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Nürnberg, den 19.02.2007

Sie sind zwar in Franken zu Hause, verbringen aber mindestens das halbe Jahr in Berlin. Der ständige Ortswechsel gehört zum Alltag der vier Nürnberger Bundestagsabgeordneten. Bleibt im Parlamentsbetrieb auch mal Zeit, die Hauptstadt zu erkunden? Wir fragten die Politikerinnen und Politiker nach ihrem Lieblingsort in Berlin. Folge zwei: Martin Bukert (SPD).
Das war zu erwarten gewesen. Jemand wie Martin Burkert würde sich als Treffpunkt nicht gerade die stillste, entlegenste Ecke der Hauptstadt aussuchen. Warum auch sollte ein leidenschaftlicher Verkehrs- und Umweltpolitiker, noch dazu Bahnbeauftragter seiner Fraktion, ausgerechnet dorthin gehen, wo sich nichts rührt? Ein paar Züge müssen schon in der Nähe rollen nach dem Geschmack des Herrn Abgeordneten – und seien es auch nur solche von U- und S-Bahn. Wenn sonst noch ein wenig Trubel herrscht, dann schadet das nichts.
Ein Stück New York
Der Potsdamer Platz also. Von allen öffentlichen Orten in Berlin ist er der am meisten umstrittene. Die einen halten seine zeitgenössische Architektur mit Hochhäusern, dem Zeltdach aus Glas, den futuristischen Fassaden und den breiten Straßen für «ein Stück New York«. Sie freuen sich, hier den echten oder nachempfundenen historischen Ensembles der Hauptstadt zu entkommen. Die anderen wollen nur eines: Möglichst schnell weg. Hässliche Neubauten könne man überall sehen, sagen sie.
Die besten Spare-Ribs
Der Sozialdemokrat Martin Burkert, seit gut drei Jahren Mitglied des Bundestages, hält sich in freien Stunden gerne am Potsdamer Platz auf. Von seinem Appartement aus braucht er eine halbe Stunde, vom Büro aus nur eine S-Bahn-Station. Hier kann er gleich viele Dinge auf einmal erledigen - als Mitglied des Bundesvorstandes der Gewerkschaft Transnet Sitzungen im 103 Meter hohen Bahn-Tower besuchen, sich mit Berlin-Besuchern treffen («den Platz wollen sowieso alle sehen«) und - ganz nebenbei - die besten Spare-Ribs weit und breit essen. Es kam sogar schon vor, dass er hier Bekannten aus der Heimat begegnet ist - zufällig.
Natürlich interessiert den Nürnberger auch die Geschichte seines Lieblingsortes. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war der Platz der verkehrsreichste in ganz Europa. Hier stand eine der ersten Ampeln Deutschlands. Der expressionistische Künstler Ernst Ludwig Kirchner hat auf dem Gemälde «Potsdamer Platz« im Jahre 1914 zwei mondäne Damen und eine Reihe anderer hastig vorüber eilender Großstadtmenschen festgehalten.
Riesige Brache bebaut
Nach 1945 folgte der große Bruch: Das weitgehend zerstörte Gelände lag im Kalten Krieg an der Sektorengrenze und war bis zur Wiedervereinigung komplett bedeutungslos. Erst in den 90er Jahren bot sich dann die einzigartige Chance, die riesige Brache innerhalb Berlins komplett neu zu bebauen. Es dauerte allerdings noch Jahre, ehe der Potsdamer Platz im Stadtleben wieder eine Rolle spielte.
Stars auf dem roten Teppich
Inzwischen blickt regelmäßig ganz Deutschland hierher - zum Beispiel, wie gerade eben, während der Berlinale. Vor dem Premierenkino laufen die Stars über den roten Teppich, Tausende von Fans verfolgen jede ihrer Bewegungen, hoffen auf ein Autogramm. Noch turbulenter ging es während der Fußball-Weltmeisterschaft zu, als Fernsehsender im Sony Center ihre Studios einrichteten. Martin Burkert schaute gelegentlich an den öffentlichen Großleinwänden ein paar Minuten zu, wenn ein interessantes Spiel lief.
Wohnen möchte der SPD-Abgeordnete übrigens nicht am Potsdamer Platz. So gerne er einmal pro Woche hier vorbei schaut, jeden Abend würden ihn die Besucherscharen dann doch ein wenig stören. Aber zum Abschalten vom Regierungsviertel, von den dicken Akten aus dem Umweltausschuss, von den Debatten über Straßenverkehr und Schiene kommt der Ort gerade recht. Denn der an Lebens- und Dienstjahren jüngste Nürnberger Parlamentarier hat schon festgestellt, dass im Bannkreis des Bundestages alle Gespräche spätestens nach fünf Minuten doch wieder bei der Politik enden. Egal, was man sich vorgenommen hat.
von Harald Baumer
Mit freundlicher Genehmigung der Nürnberger Nachrichten.
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